Das ganze reaktionäre Geschmeiß kriecht aus dem verwesenden „Abendland“ heraus. Die Jelinek, Köhlmeier, der Alt-Bundespräsident Fischer, der Alt-Kanzler Vranitzky. Aber auch Peter Handke ist dabei – schämt er sich nicht? Aber wo denn: Er zeigt, wohin er wirklich gehört. Denn es geht um die Klassen-Position dieser Menschen. Das Latein ist ihre „Distinktion“. Es geht um die Bildung jener Schicht, welche die Gesellschaft in ihrer Geiselhaft halten möchte und um ihre Hegemonie zittert. Die Linksliberalen, wie sie halt sind.
Im Grund ist es fast lächerlich. Der Bildungsminister Wiederkehr möchte in den Schulen Zeit für „Modernes“ haben, KI und Ähnliches. Daher schlägt er vor, einige Stunden am noch immer üppig bedachten Latein-Unterricht zu streichen. Doch nur knapp die Hälfte der AHS-Schüler hat Latein. Damit hätte Wiederkehr sein Problem also keineswegs gelöst. Also soll auch bei der zweiten lebenden Fremdsprache gekürzt werden. Ich habe nicht wahrgenommen, dass sich hier auch so ein Protest erhoben hat. Ist auch klar: Die jungen Leute sollen Englisch pauken, die erwünschte Einheits-Sprache aus dem gelobten Land jenseits des Ozeans. Das ist unsere Sprache. Mit anderen Sprachen kommen sie womöglich noch auf üble Gedanken. Und Englisch lernen ja sogar die Chinesen, die neuen Sachwalter des neoliberalen Freihandels-Systems.
Mir sind immer wieder Leute begegnet, die schwer bedauern, nicht auch Latein gelernt zu haben. Das waren oder sind gewöhnlich aufstrebende Menschen aus der zweiten oder dritten Reihe, Chef-Sekretärinnen, Abteilungsleiter in kleinen Firmen, etc., die keine Möglichkeit hatten, ihren Bildungsehrgeiz zu befriedigen.
Und jetzt sehen wir uns einige wenige Zahlen an. Die Leute, welche hier sich für ihre privilegierte Stellung am Symbol Latein in die Brust werfen, sind in der Mehrzahl etwa in meinem Alter – zwischen 70 und 80 Jahre alt. Sie haben also in den 1960ern ihr Gymnasium absolviert, damals Mittelschule genannt, zur Abgrenzung von der „Hochschule“. Als sie in diese Schule eintraten, gab es (Volkszählung 1961) 4,9 % Menschen mit Matura als höchstem Bildungsabschluss. Da aber Akademiker (1,9 %) natürlich auch eine Matura gemacht hatten, hatten von der damaligen Bevölkerung über 15 Jahren – da es für jüngere natürlich einen Bildungsabschluss gab – 6,7 % die „Mittelschule“ durchlaufen. Und da gab es überall Latein, das Gymnasium war in alter Tradition eine „Lateinschule“ wie im Spätmittelalter (außer bei den Berufsbildenden). Im Jahr 2023 aber hatten knapp 30 % eine Matura (davon 14,8 % auch einen akademischen Abschluss).
Und was heißt das?
Vor zwei Generationen war die Matura ein Privileg der Bildungsschichten. Und das haben Jellinek und Fischer verinnerlicht. Das soll so bleiben, und es soll durch den Lateinunterricht symbolisiert werden. Dass die heutige Schule ein Anbot an eine viel weiteren Kreis der Bevölkerung ist, kümmert diese angeblichen Erben des Bruno Kreisky wenig. Und immerhin: ein knappes Drittel der Bevölkerung; das mag sich immer noch als was Besseres vorkommen. Das dürfte etwa der Personenkreis sein, auf welche die Linksliberalen setzen und zählen. Dass die allermeisten von ihnen keinen einzigen Satz Latein lesen und übersetzen könnten, tut da nichts zur Sache. Auf das kommt’s auch nicht an. „La distinction“, der feine Unterschied, das ist: Latein zu lernen.
So nebenbei noch: Damals stellten Frauen etwa ein Drittel aller jener, die irgendwann maturiert hatten – nur, oder eigentlich: schon. Heute machen sie eine knappe Mehrheit aus (42 %).

„La Grande Proletaria si è mossa” (Die große Proletarierin Italien bewegt sich) kommentierte der Neolatinist Giovanni Pascoli den beginnenden italienischen Völkermord in Libyen.
Vielleicht noch ein kurzer Hinweis, der helfen kann, diese Initiative zur Abwehr eines ganz schüchternen Modernisierungsversuchs seitens eines Neos-Mannes abzuwehren. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Italien eine „neolatinische Bewegung“. Am liebsten hätte sie das Latein wieder zur italienischen Amts- und Dichter-Sprache gemacht. Ihre Galions-Figur war Giovanni Pascoli (1855 – 1912). Persönlich war er ein schwerer Neurotiker, der immer wieder die Grenze zur Psychose überschritt. Aber das steht hier nur beschränkt zur Debatte. Was hingegen sehr wohl interessant ist: Er war ein Ideologe des aggressivsten italienischen Imperialismus und Kolonialismus. Es war die Antwort auf die Hegemonie-Krise der damaligen „Moderne“ und der führenden Schichten.