Sali Attia ist Lehrerin in Wien Favoriten, Politologin und stammt aus Kärnten. Sie kandidierte für die Liste Gaza. Bei der Gedenkkundgebung für den 12. Februar 1934 bei der Wiener Albertia am 14.2.2026 konnte sie ihre Rede für die "Palästina Solidarität Österreoich" aus Krankheitsgründen nicht halten. Wir veröffentlichen das Manuskript:
Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Anwesende,
ich stehe heute hier als Frau.
Als Muslimin.
Als Österreicherin.
Und als jemand, die jeden Tag spürt, was es heißt, wenn Demokratie brüchig wird – nicht zuerst für alle, sondern zuerst für manche.
Der 12. Februar 1934 ist kein fernes Datum in einem Geschichtsbuch. Er ist eine Warnung. Eine Warnung davor, wo es enden kann, wenn Autoritarismus schleichend zur Normalität wird. Wenn Rechte ausgehöhlt werden – nicht mit einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt. Wenn diejenigen, die sich widersetzen, kriminalisiert, überwacht oder zum Schweigen gebracht werden.
Ich frage mich oft:
Wie fühlt sich den ein autoritäres Regime an, bevor er so genannt wird?
Für viele beginnt er mit Angst.
Mit dem Gefühl, beobachtet zu werden.
Mit dem Wissen, dass man zweimal überlegen muss, bevor man seine Meinung sagt.
Für mich – und für viele andere rassifizierte Menschen in diesem Land – ist das keine Zukunftsangst. Es ist Gegenwart.
Wenn ich mit Kopftuch kontrolliert werde, während andere weitergehen dürfen.
Wenn meine Loyalität infrage gestellt wird, weil mein Name nicht „österreichisch genug“ klingt.
Wenn ich meine politische Haltung vorsichtiger formuliere, weil Kritik an Krieg, an Aufrüstung
oder an Israels Gewalt gegen Palästinenserinnen und Palästinenser sofort als
„extremistisch“ oder „antisemitisch“ diffamiert wird.
Das ist kein Zufall.
Das ist System.
Der 12. Februar 1934 zeigt uns: Autoritäre Systeme brauchen Feindbilder. Damals war es die organisierte Arbeiterbewegung. Heute sind es Migrantinnen, Musliminnen, Linke, Friedensaktivistinnen, kritische Journalistinnen – alle, die nicht in das gewünschte Bild passen.
Und auch damals wie heute gilt:
Wer zuerst entrechtet wird, sind nicht die Mächtigen – sondern die Verletzlichen.
Ich höre oft: „So schlimm ist es doch noch nicht.“
Aber genau das wurde auch vor 1934 gesagt.
Genau das wurde gesagt, als Demonstrationen verboten wurden.
Als Gesetze per Notverordnung durchgesetzt wurden.
Als Medien gleichgeschaltet wurden.
Als der Staat begann, sich über das Recht zu stellen.
Heute erleben wir wieder Demo-Verbote, Hausdurchsuchungen, politische Überwachung. Wir erleben, wie Exekutive und Justiz immer stärker politisiert werden. Wir erleben, wie Angst bewusst erzeugt wird – damit Menschen schweigen.
Und wir erleben, wie Milliarden für Aufrüstung bereitgestellt werden, während im Sozialbereich gekürzt wird. Während Frauen, Alleinerziehende, Pensionistinnen, Arbeiterinnen und Migrantinnen die Rechnung bezahlen.
Als Muslimin in Österreich sehe ich sehr klar, wie selektiv diese Demokratie geworden ist.
Wenn Bomben auf Gaza fallen, sollen wir schweigen.
Wenn Kinder sterben, sollen wir relativieren.
Wenn wir Genozid beim Namen nennen, werden wir kriminalisiert.
Aber antifaschistisch zu sein heißt, überall Nein zu sagen – nicht nur dort, wo es bequem ist.
Antifaschismus heißt: Nie wieder – für niemanden.
Die Februarkämpferinnen und -kämpfer von 1934 haben nicht gekämpft, weil sie sicher waren zu gewinnen. Sie haben gekämpft, weil Wegsehen keine Option mehr war. Viele von ihnen kämpften später weiter – in Spanien, im Widerstand, gegen Hitler. Sie wussten: Neutralität gegenüber Unrecht ist Parteinahme für den Unterdrücker.
Heute stehen wir wieder an einem Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen.
Wollen wir eine Gesellschaft, in der Kritik kriminalisiert wird?
In der Krieg als alternativlos gilt?
In der Menschen nach Herkunft, Religion oder Meinung sortiert werden?
Oder wollen wir eine Gesellschaft, die aus ihrer Geschichte gelernt hat?
Ich stehe heute hier, weil ich nicht in einem Österreich leben will, in dem meine Existenz immer wieder gerechtfertigt werden muss.
Ich stehe hier, weil ich Solidarität nicht als Schlagwort, sondern als Verpflichtung verstehe.
Und ich stehe hier, weil der 12. Februar uns lehrt:
Demokratie fällt nicht vom Himmel – sie wird verteidigt. Oder sie geht verloren.
Nie wieder Faschismus heißt: heute widersprechen.
Nie wieder Krieg heißt: heute Nein sagen.
Und nie wieder Schweigen heißt: heute laut sein – gemeinsam.
Aufruf zur Kundgebung von "Stimmen für Neutralität"
Foto: © Stefanie J. Steindl