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Jürgen Habermas, 1933 – 2026: Der deutsche Mainstream-Intellektuelle

Bürokratie und Intellektualismus

Zum ersten Mal stieß ich gegen Ende meiner Schulzeit auf Habermas. 1966 kaufte ich mir bil­dungsbeflissen das Fischer Lexikon Politik. Dort las ich einen Artikel Öffentlichkeit von einem gewissen J. Habermas. Sagen wir es so: Ich empfand ihn damals wenig aufregend und eine Spur langweilig. 

Als ich im Herbst 1968 zu studieren begann, Publizistik, stupste mich ein Kollege auf das Buch: Strukturwandel der Öffentlichkeit, erschienen bereits 1962 bei Luchterhand, also noch nicht geadelt durch den Verlag Suhrkamp. Die Wiener „Zeitungswissenschaft“ war in ihrem Anbot nicht nur reaktionär, sondern auch in ihren Inhalten und ihrem Personal unter jeder Kritik. Somit empfand ich das Büchlein als recht anregend – aber wiederum nicht als aufregend. Der Kollege hatte es mir schmackhaft machen wollen. Er sagte mir also: „Das ist einer der Linken aus Frank­furt.“ Darüber war ich denn doch ein bisschen verwundert. Im Übrigen interessierten mich die deutschen Aufgeregtheiten um die Frankfurter Schule nicht sonderlich.

Fast zwei Jahrzehnte später, Mitte der 1980er, bekam ich den zweibändigen Wälzer Theorie des kommunikativen Handelns (1981) in die Hände. Da ich zwischenzeitlich auch einen Aufsatz von Habermas gelesen hatte: „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ (im gleichnamigen Sammel-Bändchen von 1968, diesmal schon Suhrkamp), war ich höchst skeptisch. Denn in diesem Auf­satz sagt er nicht mehr und nicht weniger, als dass es den Kapitalismus eigentlich gar nicht mehr gebe, weil es keine Warenwirtschaft mehr gebe. Nach dieser Absurdität war mir im Grunde meine Zeit zu schade. Trotzdem ging ich die mehr als 1200 Seiten des neuen Buchs ziemlich gründlich durch. Es war mühsam. Seitenweise zitiert er da wörtlich andere Autoren. Beschränkte sich das Buch auf seinen eigenen Text, wäre es nicht halb so umfangreich. Der intellektuelle Ertrag meiner Mühe war gering. Danach stellte ich die Lektüre von Habermas-Texten ein, mit Ausnahme direkt politischer Äußerungen, meistens in den Flagschiffen journalistischer deutscher Alltags-Intellektualität, „Zeit“ etc.

Nach akademischen Maßstäben bin ich also überhaupt nicht geeignet und fähig, über Habermas zu schreiben.

Und das will ich im Grund auch gar nicht. Aber der Exitus dieses europäischen Leit-Intellektuel­len, des Propagandisten eines gewandelten und maskierten deutschen Imperialismus, ist immer­hin Anlass, einmal mehr Fragen über die Rolle von Intellektuellen in der zeitgenössischen Gesell­schaft zu stellen. Dass er diese Rolle hatte, dass er sie auch genoss, zeigen gewisse Star-Allüren: Seine Bücher wurden in eine Reihe von Sprachen übersetzt. Er aber verlangte, dass Übersetzer sich in seine Seminare setzten, damit sie ihn auch wirklich verstünden. Ob die notorisch schlecht bezahlten Übersetzer für diese Zeit auch bezahlt wurden, weiß ich nicht.

Nach dem Aufstand der österreichischen Arbeiter im Feber 1934 bzw. seiner Niederschlagung gab es unter ihnen eine ausgesprochen anti-intellektuelle Stimmung. Ein Wunder? Sie waren vom Wiener sozialdemokratischen Parteivorstand verraten worden. Dort dominierten jene, die sich geradezu aufdringlich als Intellektuellen produzierten, die Otto Bauer, Julius Deutsch, Karl Renner, u. a.; nicht zu vergessen auch der „linke“ Sekretär ihrer Internationale, Fritz Adler. Gerade unter den aktivsten Kämpfern wollten viele mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben. Buttinger, damals ein Linker, später Agitator für die USA und den CIA, hat dies nach dem Krieg im Detail beschrieben („Ende der Massenpartei“)  und sich damit in seiner ehemaligen Partei ziemlich unbeliebt gemacht.

Wir haben da eine interessante Parallele. Unterklassen haben ähnliche Probleme. Der linke Bauernbund in Bulgarien hatte seit seiner Gründung hitzig darüber gestritten, ob Intellektuelle überhaupt Mitglied im Bund sein dürften. Und auch da können wir das bestens verstehen. Als sein Ministerpräsident Alexander Stamboliski 1923, in einem frühfrankistischen Putsch gestürzt und umgebracht wurde, hatte die KP, geführt von alten Intellektuellen, demonstrativ zu- oder vielmehr weggeschaut. Die Kommunistische Internationale hatte dies zwar heftigst verurteilt und die bulgarische Partei rhetorisch regelrecht zusammen geschlagen. Aber da waren die Militärs und der Faschist Cankov bereits an der Macht.

Freilich stellt sich hier die eigentliche Dialektik der politischen Entwicklung. Der marxistische Sozialismus war zumindest am Anfang fast eine reine Intellektuellen-Bewegung. Es waren auch immer die Intellektuellen, welche das politische Ferment der gesellschaftlichen Entwicklung wa­ren. Wir müssen dies sogar ausweiten: Aus Mittel- und sogar aus Oberschichten mussten immer Klassen-Überläufer kommen, welche für die Unterschichten als intellektuelle Wegweiser und Führer dienten. Es mussten jene kommen, die mit Brecht sagten: „Die Leute meiner Klasse gefallen mir nicht.“ Das entspringt nun einmal der Klassensituation geschichteter Gesellschaften. Deswegen ist Engels’ Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissen­schaft“ (1882, MEW 19, 189 ff) eine so ambivalente Sache. Dort beschreibt er den Beitrag der „klassischen deutschen Philosophie“ – und nicht der Philosophen als Personen! – zur Entwick­lung des Sozialismus. In dieser Schrift übersieht er völlig, dass diese „Entwicklung zur Wissen­schaft“ eine Intellektualisierung des Sozialismus bedeutete und dem späteren Intellektualismus, der im Sozialismus an der Macht sehr schnell zu einem Bürokratismus bzw. zur Bürokratie wurde, entscheidend den Weg bereitete. Lenin („Drei Quellen und drei Bestandteile …“ – Werke 19, 3 – 9) hat Engels’ These voll und fast wörtlich übernommen. Und er übernahm auch dessen intellektualistische Grundtendenz. Es war ja sowieso eher Engels als Marx, der sein Haupt-Inspirator war.

Das bildungsbürgerliches Weltbild des Marxismus war also in der marxistischen Tradition selbst angelegt und in ihrer Entwicklung. Marx war anfangs ein kritischer bürgerlicher Intellektueller. Er aber wurde durch seine Lebensumstände aus der bürgerlich-behäbigen Sphäre hinausgekippt und schon aus diesem Grund distanzierter. Bei Engels ist dies weniger klar. Da hat man oft den Eindruck, dass er vor den „großen Geistern seiner Zeit“ wirklich devote Hofknicks machte.

Lenin ist zwiespältiger. Er spricht recht abfällig über die bürgerlichen Intellektuellen, diese „Meute der Lakaien“, „die Reichen und ihre Kostgänger“, diese „Speichellecker und Kostgänger der Fronherren, … die gewohnt sind, den Kapitalisten und dem kapitalistischen Staat zu dienen – ihre dreisten Erwartungen werden sich nicht erfüllen“ (Werke 26, 406 f.). Im selben Text vom Ende Dezember 1917 (bzw. Anfang Jänner 1918 neuen Stils) weist er aber auch darauf hin: Wir brauchen „den notwendigen Ratschlag des gebildeten Menschen“. Aber gleichzeitig bedarf es „einer genügenden Kontrolle der Arbeiter über die organisatorische Arbeit der Intellektuellen… Ohne Ratschläge, ohne Anleitung durch die Gebildeten, die Intellektuellen, die Fachleute kann man nicht auskommen … Aber eine Sache sind Ratschläge und Anleitungen – eine andere Organisierung der praktischen Rechnungsführung und Kontrolle…“ (411). Dem wäre wenig hinzuzufügen – wenn dies nur auch realisiert worden wäre. Das Alles klingt höchst kritisch, und wir tun gut daran, es ernst zu nehmen. Aber gleichzeitig war Lenin der härteste Vertreter eines sozialistische Intellektualismus. Der leitete schließlich bei Stalin direkt in die Bürokratie über. Der Intellektualismus und die Bürokratie sind siamesische Zwillinge.

Damit können und müssen wir wieder zu Habermas zurückkehren. Es war kein Zufall, dass mir seinerzeit sein Werk als „links“ angepriesen wurde. Denn das war die Zeit, als eine Gruppe von Intellektuellen den Marxismus neu entdeckte. Das, was ich hier anspreche, ist nicht das auf­richtige Bemühen um kritische Analyse. Das gab es. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Aber eine größere Gruppe erkannte im „Marxismus“ ein passendes Instrument für den inneraka­demischen Konkurrenzkampf. Freilich nicht den Marxismus als politische Theorie revolutionärer Bewegung. Überdies begannen sie ihn zu reinigen, insbesondere von jedem Bezug auf die unteren Klassen. Wo findet man bei Habermas die Klassen? Akademisierung ist an sich das beste Rezept, um neuen Theorien ihren emanzipativen Inhalt auszutreiben.

Für die alten Marxisten aus der Arbeiter-Bewegung war ihre Arbeit kein Honiglecken gewesen. Nun aber realisierten meist junge Menschen im akademischen Bereich: Wir können diese Mumien auf den Lehrstühlen – „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren!“ – unter Druck setzen, wenn wir endlich die seit einem Jahrhundert brach liegenden Ideen aufgreifen und für unsere Karriere einsetzen. Der Lange Marsch in die Institutionen begann. Die Zirkulation der Eliten funktionierte wieder einmal. 

Überspringen wir Alles, was wir ohnehin gut genug kennen. Das Ergebnis waren die „Linkslibe­ralen“. Und Habermas war die Galionsfigur dieser Gruppe – in einer Art und Weise, wie man es gar nicht besser hätte erfinden können. 

Habermas wurde von der BRD und ihren Herrschafts- und Hegemonie-Apparaten immer wieder hoch geehrt. Unter den vielen Preisen, die man ihm zuteilte (siehe Bild) war auch der Heine-Preis. Das gehört in die Rubrik objektiver Zynismus. Damit arbeiten diese Herr- und Frauschaften besonders gern. Habermas war von der Ironie des Heinrich Heine gegen die Staaten und Regierungen so weit entfernt, wie man es überhaupt nur sein kann.

Und die Hegemoniekrise? Die gibt es. Die dicht geschlossenen Reihen der Linksliberalen erreicht sie natürlich nicht; die sind ihrer selbst sicher. Aber wahrgenommen wird sie von ihnen doch. Deshalb war ja eine Figur wie die von Habermas für sie wichtig. Denn beunruhigt sind sie schon, in einer Gesellschaft, wo noch das allgemeine Wahlrecht gilt. Im intellektuellen Milieu können sie diese Krise nicht wirklich bereinigen. Also setzen sie die Staatsgewalt dagegen ein. In der BRD und in den anderen Staaten der West-EU ist dies unübersehbar und ausgeprägt. Im Osten ist man schon weiter: Da werden vereinzelt Wahlen bereits annuliert, wenn sie falsch ausgehen. In Österreich dürften wir in Kürze vor einer ähnlichen Situation stehen. Was sie aber nicht recht begreifen: Die Zensur und die robusten Machtmittel sind erst recht die sichtbaren Zeichen der Krise. 

Es wird vielleicht auch amüsant sein, wie nach dem Tod des Habermas seine Diadochen um seine Position kämpfen werden. Ich bezweifle, dass es einem oder einer wieder gelingt, zu einer ähnlichen Position zu gelangen. Denn der Einsatz der Staatsmacht verschärft die Krise. Trotzdem, vergessen wir nicht: Entschieden wird nicht in den Tempeln des Weltgeists. Entschieden wird in der realen Politik.

17. März 2026