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Querfront oder Dogmatismus?

Das merkwürdige Dilemma der „undogmatischen“ Altlinken.

Albert Reiterer schrieb am 19.10.2025: „Heute stellt das Vokabel Querfront ein Reizwort für die „links“-liberalen und für den ganzen zentristischen Radikalismus dar. Das ist keineswegs ein Zufall. Querfront heißt – man sollte eher sagen: sollte heißen – der Aufbau eines neuen Klassenverbandes aus jenen, welche die Politik des globalistischen und neoliberalen Zentrismus an den Rand drängt.“ 

Das Bündnis zwischen „Links“ und „Rechts“ (historisch zwischen Liberalen und Klerikalen) scheint im Rahmen der Parlamentstribüne heute ganz selbsterklärend zu sein und verlangt laut „Antifa“-Mainstream keine weitere Erklärung. Tatsächlich wird der Querfront-Vorwurf aber fast nur der Straßenopposition gemacht, nicht den Staatsmännern, die ihn geprägt haben. Das Volk und die Herrschenden spielen nicht nach denselben Regeln! 

Reiterer setzt der sogenannten „Linken“ im Parlament, der ihre ursprüngliche Klassenbasis abhanden gekommen ist, eine mystische, wahre Linke gegenüber. Diese definiert sich über die „Ziele und Grundsätze der alten Linken“ (die nicht näher benannt werden) sowie über die Auflösung der „historischen Schemen“ (ohne dass erläutert wird, welche damit gemeint sind). Spricht der Volkszorn also für sich selbst?

Von Linksliberalen als „Querfront“ oder „Dogmatiker“ beschimpft zu werden, gehört dazu. Die Antwort darauf kann jedoch kaum darin bestehen, die bewusste Artikulation politischer Standpunkte durch kindischen Trotz zu ersetzen.

Auf den Barrikaden – Die Front und ihre Grenzen

Ohne Einheitspositionen, die von allen Organisationen der Front geteilt werden und die Front somit als politische Plattform konstituieren, gibt es überhaupt keine Front – wir bräuchten also nicht darüber zu sprechen.

In der Friedensbewegung liegt dies auf der Hand. Solange die Eliten versuchen, Österreich in ihre Kriege hineinzuziehen, besteht die Notwendigkeit für eine Friedensbewegung. Auch wenn die politischen Eliten es gerne anders handhaben würden, ist die österreichische Neutralität keine Frage des österreichischen Selbstbildes, sondern der Erfüllung konkreter politischer Minimalbedingungen.

- keine militärischen Bündnisse

- keine militärischen Stützpunkte fremder Staaten auf österreichischem Gebiet

- keine Waffenlieferungen in Konfliktgebiete oder Truppentransporte

Spätestens heute, da Österreich vollständig in die militärstrategischen Pläne der EU und der NATO, wie etwa Skyshield, integriert ist, muss jedem klar sein, dass von dieser Neutralität nichts mehr übrig bleibt, wenn man ganz undogmatisch an die Sache herangeht. Mit frommen Wünschen lässt sie sich nicht wiederherstellen. Die Redensart „Alles fließt“ gilt als Ausrede der Politiker nicht. Der Neutralitätsbruch zeigt, dass die Verlogenheit und Heuchelei der Eliten keine Grenzen kennt – wir müssen ihnen diese also klar aufzeigen.

Der „Neue Klassenverband“ – ein kopfloses Huhn?

Die einzige parlamentarische Kraft, die die Forderung nach Neutralität im Sinne des Endes der völkerrechtswidrigen Sanktionen bzw. des EU-Kriegs gegen Russland verteidigt, ist die FPÖ – dabei liegt das im Interesse einiger österreichischer Kapitalisten.

Wenn wir von der Front sprechen, lohnt es sich, zwischen der Selbstbestimmung gegenüber äußeren Kräften (USA, Deutschland bzw. NATO) und der Front des Volkes gegen die Kriegstreiberei der österreichischen Eliten zu unterscheiden. Mit dem „Neuen Klassenverband“ wirft Reiterer die Frage auf, um welchen Klassenstandpunkt sich die Friedensbewegung aufbaut. Welche Klasse hat die Führung?

„Die alte Linke hat ihren Charakter als Vertreterin der Unterschichten vollständig verloren. Wer heute von „links“ spricht, denkt sofort an die woken Sprecher der oberen Mittelschichten, deren Klassen-Interessen diametral jenen der Arbeiter, unteren Angestellten und auch der sonstigen Unteren Mittelschichten gegenüber stehen.“ So fasst Reiterer die parlamentarische Politik zusammen. Der Rechtspopulismus sei sehr kompliziert: er hat „einen plebeischen Flügel, welcher das Erscheinungsbild bestimmt und einen Gutteil der frustrierten Bevölkerung anspricht.“

Es geht um die Beobachtung, dass der Kulturkampf von rechts heute einen Moment des intuitiven Klassenkampfs repräsentiert. Dass sich die Mehrheit der „Unterschichten“ aber gar nicht mehr auf das Theater um die Wahlen einlässt und ihre Stimme nicht abgibt, begreift Reiterer nur als (parlamentarisches) Repräsentationsvakuum. Doch was ist dran am „neuen Klassenverband“?

Für eine eigenständige Politik des Volkes gegen die Diktatur des Finanzkapitals reicht das intuitive (und auch das rein ökonomische) Klassenbewusstsein nicht aus – egal, wie hoch die Konzentration der Unterdrückten ist! Die von Linksliberalen besungene „Klassenidentität“ ist häufig nichts anderes als umgekehrter Standesdünkel. Die Verteilungskämpfe finden unter dem korporatistischen Dach der finanzkapitalistischen Eliten statt. Um deren Anerkennung buhlen die Parteien – die FPÖ bildet hier keine Ausnahme. „Eine Reihe von Zielen – darunter angeblich Frieden, Anti-Elitismus und Anti-Intellektualismus, …, Anti-Globalismus – dient dazu, die Interessen und Identitäten jener Mehrheit der Bevölkerung zu mobilisieren, die inzwischen ihre politische Repräsentanz verloren hat.“ Anstatt die politische Frage der Klassenherrschaft zu stellen, dreht sich alles um den privilegierten bzw. unterprivilegierten Status von Nebenklassen und Zwischenschichten.

„Es gilt also den Aufbau einer neuen Bewegung für den Verband der neuen Unterschichten – und derjenigen, welche sich nicht an die Klassen-Identitäten und -Interessen der Oberen Mittelsschichten gebunden fühlen, auch wenn sie selbst dazu gehören. „Die Leute meiner Klasse gefielen mir nicht“, hat Brecht einmal gesagt.“ 

Sich von einem Einzelfall provozieren zu lassen, ist jedoch etwas anderes, als den Herrschenden beständig eine politische Linie und einen bewussten Klassenstandpunkt entgegenzuhalten. Die Einheit von Bewegung, Organisation und Führung fällt nicht vom Himmel – die organisationsübergreifende Front erst recht nicht.

Parteien sind außer Mode, doch Bewegungen sind angesagt. Selbst Emmanuel Macron stilisierte sich 2016 mit „En Marche!” als Gründer einer dynamischen Bewegung, die „Links” und „Rechts” zusammenbringt. Der liberale Fundamentalist benannte sein Projekt in diesen wenigen Jahren mehrfach um. Auch Sahra Wagenknechts „Sammelbewegung Aufstehen“ von 2018 ist mehr oder weniger direkt zur Wagenknecht-Partei geworden. Wie bei der Liste Peter Pilz versuchte man, den Volkszorn für parlamentarische Zwecke zu kanalisieren. Eine tatsächliche Bewegung muss sich jedoch zuerst um ihr konkretes Anliegen aufbauen, bevor dieses von den führenden Personen repräsentiert werden kann.

Nur so kann die Front geeint marschieren und sich nicht gleich wieder auflösen, sobald die schlimmste Gefahr vorüber zu sein scheint. Die Führung muss ihr Vorgehen aus dem kollektiven politischen Kampf heraus begründen und vermitteln können. Sie muss umgekehrt nach dem Inhalt ihres politischen Programms beurteilt werden. Eine Führung, die ihrem Herzen folgt, ohne es mit dem Kollektiv der Klasse abzustimmen, wird ihrer Verantwortung nicht gerecht. Jede Organisation hat einen Organisationszweck, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht.

Der bewusste politische Richtungsstreit steht im krassen Widerspruch zur Romantik. Die unverbindliche, spontane Zusammenkunft mag ein hervorragendes taktisches Mittel gegen die bürokratischen Corona-Maßnahmen gewesen sein. Das „Weder-links-noch-rechts“-Prinzip wurde zur Parodie des liberalen Mottos „In Vielfalt geeint“. Das ist jedoch kein Grund, den Kopf aufzugeben.

Dass sich die „Linke“, die sich in den letzten Jahrzehnten die „individuelle Freiheit“ auf die Fahne geschrieben hat, im Kampf gegen die Coronamaßnahmen entweder offen auf die Seite der Repression gestellt oder sich zurückgezogen hat, wurde oft genug thematisiert. Gerade weil der populistische Teil der FPÖ heute gewisse Formen der intuitiven Rebellion repräsentiert, stellt sich nun aber die Frage, was die „undogmatische“ Altlinke der Führung der FPÖ vorhalten möchte. Man verteidigt die positiven demokratischen Errungenschaften des Bürgertums und wirft der FPÖ gleichzeitig vor bürgerlich zu sein? Beides ist für sich genommen wichtig und richtig. Als Begründung ist es jedoch schwach. Vor allem, wenn man selbst zur Wahl antreten möchte. Die Rede vom „Bürgertum“ ist keineswegs verschwunden oder irrelevant geworden. „undogmatische Linkssozialisten“ müssen sich jedoch eingestehen, dass es für sie größtenteils Traditionalismus ist, dass es sich lediglich um „Kraftausdrücke“ handelt, die man sich vor langer Zeit von anderen abgeschaut hat. Insofern haben sie Recht: Für parlamentarische Polemik ist der Begriff heute vollkommen ungeeignet. Denn vor wem muss sich das Bürgertum heute schämen oder fürchten? In Österreich gibt es heute keine Arbeiterparteien – wir müssen diese im ideologischen, politischen und ökonomischen Klassenkampf selbst herausbilden!

Vom alten Recht zur selbstbestimmten Zukunft

Die demokratischen Errungenschaften, die sich unter anderem in der bürgerlichen Verfassung widerspiegeln, hemmen die zentralistische Willkür der Herrschenden und die Repression. Deshalb ist das alte Recht von Vorteil. In Österreich steht Bruno Kreisky wie kein anderer für das alte Recht und den Klassenkompromiss (Sozialpartnerschaft). Der Kreisky-Personenkult wird seit Heinz-Christian Strache auch von der FPÖ übernommen. Das funktioniert, weil sich viele eine andere, eine bessere Sozialdemokratie im klassischen Sinn wünschen.

Durch die in der Verfassung verschriftlichten demokratischen Rechte, sowie die Neutralität ist eine Linie gezogen um die alle demokratischen Kräfte kämpfen müssen. Das tun in der Konsequenz aber weder die FPÖ noch die mindestens ebenso nostalgische SPÖ. Im Gegenteil, sie haben beide die Verschlechterungen seit der „guten alten Zeit“ mitgetragen.

Aus der extremen Mitte wird kein demokratischer Kurs kommen. Wenn der Liberalismus seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird, muss man die Liberalen, die sich gegen konkretes Unrecht aussprechen, doch respektieren – sei es der Völkermord in Palästina oder die Aushöhlung der demokratischen Rechte und der Neutralität. Dabei ist es egal, ob diese Liberalen „links“ oder „rechts“ aus dem Liberalismus ausgestoßen werden. Wenn sie für ein demokratisches Anliegen Partei ergreifen, sind sie im revolutionär-demokratischen Lager willkommen. Sozialdemokraten, die sich dafür schämen, Sozialdemokraten zu sein – sowohl vor den „Rechten“ als auch vor den „Linken“ –, sind hingegen schwer zu respektieren.

Um aus dem Schwelgen in Nostalgie eine wirkungsvolle Straßenopposition zu entwickeln, braucht es eine beschlussfähige Organisation – keine Querfront. Die Herrschenden wollen uns in eine rückwärtsgewandte Defensive drängen und versuchen, uns durch oberflächliche werteschauvinistische Differenzen zu spalten. Für uns stellt sich jedoch eine ganz andere Frage: Welche Kräfte haben ein ehrliches Interesse daran, gemeinsam gegen die Diktatur des Finanzkapitals zu kämpfen, und welche Kräfte können die Front aus der rückwärtsgewandten Defensive in eine selbstbestimmte Zukunft führen? Genau das wird unmöglich gemacht, wenn man die fortschrittlichen Kräfte ausbremst und glaubt, die demokratische Partei könne sich spontan aus der Fremdzuschreibung der Querfront entwickeln.

Mit was man Tabula raza machen soll?

Wer, wie Reiterer, die Abkehr von „historischen Schemen“, die sich in den 1960er Jahren verbreiteten, propagiert, der bricht damit eine historische Debatte vom Zaun, die an der Frage von Orthodoxie oder postmodernen Theorien, wie sie der Linken zuletzt aufgedrängt wurde, ganz vorbeigeht. Die Argumentationsweise, die sich mit dramatischen Gesten zur Linken bekennt, die linke Orthodoxie aber prinzipiell in Zweifel zieht, ist jedoch in beiden Fällen jedoch eine ganz ähnlich.

In einem politischen Rahmen ist in jedem Fall zu klären, von welcher Orthodoxie man sich im Speziellen lösen möchte. Geht es um eine ökonomistische Selbstkritik, die auf halbem Weg steckengeblieben ist, oder um einen perfiden antikommunistischen Vorstoß? Lösen kann man sich nur von dem, wozu es eine Nähe gibt. Ich kenne die historische Debatte der „Linken“ der 60er Jahre nicht genauer und habe – jetzt erst recht – kein besonderes Interesse, mich darin einzulesen. Es ist eine sichere Annahme, dass es anderen auch so geht. Diskutieren lässt sich alles, was auf dem Tisch liegt, sofern es nicht im Widerspruch zum Versammlungszweck der politischen Plattform, also zu ihren Grundlagen, steht. Werden die falschen Dogmen aber nicht auf den Tisch gelegt, sondern hinter allgemeinen „linken” Selbstzweifeln versteckt, ist dieser speziellen „Linken” wirklich nicht mehr zu helfen.